F19 Psychische & Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch & Konsum anderer psychotroper Substanzen
F19.0 – Akute Intoxikation
Die Diagnose F19.0 beschreibt einen vorübergehenden Zustand nach dem Konsum mehrerer psychoaktiver Substanzen oder anderer psychotroper Mittel, bei dem es zu Störungen des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der Stimmung, des Denkens oder des Verhaltens kommt.
Der Schweregrad hängt von Art, Kombination und Dosis der Substanzen sowie von individuellen Faktoren wie Toleranz, Umgebung und körperlicher Verfassung ab. In den meisten Fällen ist der Zustand reversibel.
Typische Anzeichen einer akuten Intoxikation (Mischkonsum):
- Enthemmtes, impulsives oder unangepasstes Verhalten
- Stimmungsschwankungen (z. B. Euphorie, Angst, Gereiztheit)
- Koordinationsstörungen, Sprachverlangsamung, Gangunsicherheit
- Wahrnehmungsverzerrungen oder Halluzinationen
- Verminderte Urteilsfähigkeit, riskantes Verhalten
- Kreislaufprobleme, Übelkeit oder Bewusstseinsstörungen
- In schweren Fällen: Krampfanfälle, Atemdepression, Koma
Wichtig zur Abgrenzung:
- Betrifft nicht den Konsum einer einzigen Substanzart, sondern mehrere gleichzeitig oder wechselnd konsumierte psychoaktive Substanzen (z. B. Alkohol + Benzodiazepine + Cannabis).
- Kann auch auf nicht näher benannte Substanzen bezogen sein, wenn keine spezifische Codierung möglich ist (z. B. bei neuen psychoaktiven Substanzen oder „Legal Highs“).
Mögliche Unterformen:
Analog zu anderen Substanzgruppen lassen sich folgende Verlaufsformen unterscheiden:
- F19.00 – Ohne Komplikationen
- F19.01 – Mit körperlichen Verletzungen oder medizinischen Problemen
- F19.03 – Mit deliranten Symptomen (z. B. akuter Verwirrtheitszustand)
- F19.04 – Mit Halluzinationen oder Wahrnehmungsverzerrungen
- F19.05 – Mit Koma
- F19.06 – Mit Krampfanfällen
- F19.07 – Mit aggressivem oder gefährlichem Verhalten
- F19.09 – Nicht näher bezeichnet
F19.1 – Schädlicher Gebrauch
Die Diagnose F19.1 wird gestellt, wenn der Konsum mehrerer psychoaktiver Substanzen oder nicht näher bezeichneter Stoffe zu nachweisbaren gesundheitlichen Schäden geführt hat – körperlich oder psychisch –, ohne dass die Kriterien einer Abhängigkeit erfüllt sind.
Der schädliche Gebrauch unterscheidet sich vom gelegentlichen Konsum dadurch, dass klare negative Folgen aufgetreten sind, wie z. B. Unfälle, Überdosierungen, psychische Störungen oder körperliche Beeinträchtigungen.
Kriterien für schädlichen Substanzgebrauch:
- Eindeutiger Gesundheitsschaden infolge des Substanzgebrauchs, z. B.:
- Psychosen, Angststörungen, depressive Episoden
- Körperliche Schäden (z. B. Herz-Kreislauf-Probleme, Nieren- oder Leberschäden)
- Unfälle, Stürze oder Vergiftungen im Rauschzustand
- Die Schädigung muss ärztlich nachvollziehbar sein – bloßes Unwohlsein reicht nicht aus.
- Der Substanzgebrauch zeigt ein wiederholtes oder fortbestehendes Muster, kein Einzelfall.
Wichtig zur Abgrenzung:
- Keine Abhängigkeit (→ sonst F19.2)
- Kein Kontrollverlust, keine Entzugssymptome oder Toleranzentwicklung
- Mehrere oder unbekannte Substanzen im Spiel (z. B. Mischkonsum aus Stimulanzien, Sedativa, Halluzinogenen)
- Die negative Auswirkung steht im direkten Zusammenhang mit dem Substanzgebrauch
F19.2 – Abhängigkeitssyndrom
Das Abhängigkeitssyndrom bei multiplen oder nicht näher bezeichneten psychotropen Substanzen beschreibt ein Muster des Konsums, bei dem der Substanzgebrauch das Denken, Handeln und Leben einer Person zunehmend bestimmt.
| Kriterien / Symptome | F19.2 – Abhängigkeitssyndrom (multiple/andere Substanzen) |
|---|---|
| Zeitkriterium | Letzten 12 Monate |
| Anzahl Symptome | Mindestens 3 Symptome gleichzeitig |
| Symptom 1 | Starkes Verlangen nach psychoaktiven Substanzen; innerer Drang oder Zwang zum Konsum |
| Symptom 2 | Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung oder Menge des Konsums |
| Symptom 3 | Körperliches oder psychisches Entzugssyndrom bei Abstinenz oder Reduktion oder Konsum zur Linderung der Symptome |
| Symptom 4 | Toleranzentwicklung: zunehmende Mengen notwendig, um gleiche Wirkung zu erzielen |
| Symptom 5 | Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen oder Pflichten zugunsten des Konsums |
| Symptom 6 | Anhaltender Konsum trotz klarer körperlicher, psychischer oder sozialer Folgen |
| Ausschlusskriterium | Symptome nicht besser erklärbar durch gelegentlichen Konsum, medizinische Indikation ohne Abhängigkeitsmuster oder andere psychische/organische Erkrankungen |
| Unterkategorien |
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F19.3 – Entzugssyndrom
Das Entzugssyndrom tritt auf, wenn der regelmäßige und längerfristige Konsum psychotroper Substanzen (z. B. Mischkonsum aus Cannabis, Benzodiazepinen, Opiaten, Halluzinogenen, Stimulanzien usw.) reduziert oder plötzlich abgesetzt wird. Der Körper reagiert auf den Wegfall mit typischen körperlichen und psychischen Symptomen.
Diese Diagnose gilt nur, wenn kein Delir (z. B. schwere Verwirrtheit mit Bewusstseinsstörung) vorliegt – sonst F19.4.
Typische Entzugssymptome (substanzübergreifend):
- Zittern (v. a. der Hände)
- Schwitzen
- Übelkeit, Erbrechen
- Schlafstörungen
- Angst, innere Unruhe
- Reizbarkeit
- Kopfschmerzen
- Herzklopfen oder erhöhter Blutdruck
- In schweren Fällen: Krampfanfälle (→ ggf. F19.6)
- Die genaue Ausprägung kann je nach konsumierter Substanz oder Substanzkombination variieren.
Beginn & Dauer:
- Beginn: meist innerhalb von 6–24 Stunden nach Absetzen
- Dauer: mehrere Stunden bis wenige Tage, abhängig von Art, Menge und Dauer des Substanzgebrauchs
Wichtig zur Abgrenzung:
- Kein Delir (→ sonst F19.4)
- Nicht zu verwechseln mit kurzfristigem Unwohlsein nach gelegentlichem Konsum
- Tritt meist im Rahmen einer bestehenden Abhängigkeit (F19.2) auf
- Häufig komplexer Verlauf durch Mischkonsum unterschiedlicher Substanzen
F19.4 – Entzugssyndrom mit Delir
Das Entzugssyndrom mit Delir ist eine schwere Komplikation beim Absetzen oder Reduzieren psychotroper Substanzen – insbesondere bei Mischkonsum oder langjährigem intensiven Gebrauch. Es ist durch einen akuten Verwirrtheitszustand (Delir) in Verbindung mit körperlichen und psychischen Entzugssymptomen gekennzeichnet.
Die Symptome treten in der Regel 1–3 Tage nach dem letzten Konsum auf und können lebensbedrohlich sein.
Typische Symptome eines substanzbedingten Entzugsdelirs:
- Bewusstseinstrübung mit schwerer Desorientierung (Zeit, Ort, Person)
- Halluzinationen (meist optisch, z. B. Schatten, Tiere, Personen)
- Vegetative Symptome: starkes Zittern, Schwitzen, erhöhter Puls, Blutdruckanstieg
- Psychische Symptome: Angst, Verfolgungsideen, Verwirrtheit
- Schlafstörungen, Tag-Nacht-Umkehr
- Wechselnde Aufmerksamkeit, starke emotionale Schwankungen
- In schweren Fällen: Krampfanfälle, Kreislaufzusammenbruch
- Die genaue Ausprägung kann je nach konsumierten Substanzen variieren (z. B. Benzodiazepine, GHB, Stimulanzien, Opiate).
Verlauf & Prognose:
- Beginn: meist innerhalb von 24–72 Stunden nach Absetzen
- Dauer: wenige Tage, intensive ärztliche Überwachung nötig
Wichtig zur Abgrenzung:
- Bewusstseinstrübung + Halluzinationen = Delir
- Nicht zu verwechseln mit reinem Entzugssyndrom ohne Delir (F19.3)
- Oft bei langjährigem, hochdosiertem Konsum oder abruptem Absetzen (z. B. von Benzodiazepinen, Alkohol, GHB)
Hinweis:
Das Entzugsdelir bei multiplen oder sonstigen Substanzen ist ein akuter medizinischer Notfall, der umgehend fachärztliche Betreuung – häufig auf Intensivstation – erfordert.
F19.5 – Psychotische Störung
Die Diagnose beschreibt eine psychotische Störung, die im Zusammenhang mit Missbrauch oder Abhängigkeit von multiplen oder sonstigen psychotropen Substanzen auftritt. Sie entwickelt sich meist während oder kurz nach intensiver Einnahme oder auch nach Absetzen (z. B. im Entzug).
Charakteristisch sind Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder paranoides Denken, die nicht allein durch ein Delir erklärbar sind.
Typische Merkmale:
- Akustische Halluzinationen (z. B. Stimmenhören)
- Verfolgungswahn, Misstrauen, Beziehungswahn
- Starke emotionale Erregung, Angst, Feindseligkeit
- Desorganisiertes Denken oder Realitätsverlust
- Keine Bewusstseinstrübung wie beim Delir (F19.4)
Abgrenzung zu anderen Diagnosen:
- Kein Delir (→ sonst F19.4)
- Nicht allein durch Entzug erklärbar
- Psychotische Symptome halten oft länger an (Tage bis Wochen)
- Meist bei langjährigem, chronischem Substanzmissbrauch oder Mischkonsum
Unterformen:
- F19.50 – Ohne schizophrenieähnliche Symptome
- F19.51 – Mit schizophrenieähnlichen Symptomen (z. B. Stimmen, die kommentieren oder Befehle geben)
F19.6 – Amnestisches Syndrom
Das amnestische Syndrom beschreibt eine anhaltende Störung des Gedächtnisses, die durch chronischen oder langanhaltenden Missbrauch von multiplen oder sonstigen psychotropen Substanzen verursacht wird. Es betrifft vorrangig das Kurzzeitgedächtnis, während andere kognitive Funktionen oft vergleichsweise erhalten bleiben.
Häufig besteht ein Mangel an wichtigen Nährstoffen (z. B. Vitamin-B1/Thiamin), der zur Schädigung des Gehirns beiträgt. Diese Form wird häufig mit dem Korsakow-Syndrom assoziiert.
Typische Merkmale:
- Schwere Störungen des Kurzzeitgedächtnisses
- Unfähigkeit, neue Informationen dauerhaft zu speichern
- Desorientierung in Zeit und Raum
- Konfabulationen (Erfinden von Geschichten zur Erklärung von Erinnerungslücken)
- Relativ stabile Sprache, Intelligenz und Aufmerksamkeit
Verlauf:
- Entwickelt sich meist schleichend über längere Zeiträume
- In vielen Fällen irreversibel
- Oft verbunden mit anderen substanzbedingten Folgeerkrankungen (z. B. Polyneuropathie, Lebererkrankungen)
Hinweis:
Das amnestische Syndrom ist eine ernsthafte hirnorganische Schädigung, die häufig Folge langjährigen Substanzmissbrauchs in Kombination mit mangelhafter Ernährung darstellt.
F19.7 – Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung
Diese Kategorie umfasst anhaltende oder verzögert einsetzende psychische Störungen, die nach dem Konsum von multiplen oder sonstigen psychotropen Substanzen bestehen bleiben – auch wenn der Konsum bereits eingestellt wurde.
Es handelt sich um Folgezustände, die sich entweder nach einem akuten substanzbedingten Zustand (z. B. Entzug, Psychose) entwickeln oder erst Wochen bis Monate später auftreten.
Typische Merkmale:
- Chronisch anhaltende psychische Veränderungen, z. B.:
- Wahnvorstellungen
- Halluzinationen
- Stimmungsschwankungen
- Denkstörungen
- Symptome dürfen nicht Folge eines akuten Entzugs oder Rausches sein
- Zeitlicher Abstand zwischen Substanzkonsum und Symptombeginn möglich
- Kein akuter Bewusstseinsverlust wie bei Delirien
Wichtig zur Abgrenzung:
- Nicht akut (→ keine Intoxikation oder Entzugssymptome)
- Nicht organisch bedingt (z. B. keine Demenz)
- Symptome müssen eindeutig mit früherem Substanzkonsum verknüpft sein
ICD-10 Unterkategorien:
- F19.70 – Ohne Schizophrenie-ähnliche Symptome
- F19.71 – Mit Schizophrenie-ähnlichen Symptomen
Hinweis:
Diese Diagnose wird verwendet, wenn dauerhafte psychische Störungen als Spätfolge von Substanzmissbrauch bestehen – auch nach einer Phase der Abstinenz.
F19.8 – Sonstige psychische und Verhaltensstörungen
Diese Kategorie umfasst alle psychischen und Verhaltensstörungen, die eindeutig im Zusammenhang mit dem Konsum multipler oder sonstiger psychotroper Substanzen stehen, aber nicht genauer durch die vorhergehenden spezifischen Kategorien (F19.0–F19.7) beschrieben werden können.
F19.8 dient als Auffangdiagnose für seltene, atypische oder nicht klassifizierbare substanzbezogene Störungen.
F19.9 – Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung
Es handelt sich um eine unspezifische Restkategorie innerhalb der F19-Gruppe – also für Fälle, in denen nicht genügend Informationen vorliegen, um eine präzisere Diagnose (z. B. F19.2 oder F19.5) zu stellen.
Weitere ICD-10-Diagnosen
ICD-10 Diagnosen
- F00-F09 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
- F10-F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
- F20- F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
- F30-F39 Affektive Störungen
F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen - F50-F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
F60-F69 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen - F70-F79 Intelligenzstörung
- F80-F89 Entwicklungsstörungen
- F90-F98 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
- F99-F99 Nicht näher bezeichnete psychische Störungen
Quellen
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