F-Diagnosen ICD 10F10-F19 → F16 Psychische und Verhaltensstörungen durch Halluzinogene

F16 Psychische und Verhaltensstörungen durch Halluzinogene

Die ICD-10-Diagnosegruppe F16 umfasst psychische und Verhaltensstörungen durch den Konsum von Halluzinogenen, wie LSD, Psilocybin oder Meskalin. Dazu zählen akute Intoxikationen, Abhängigkeitssyndrome und Entzugssymptome. Diese Klassifikation erleichtert die genaue Diagnose und Behandlung halluzinogenbedingter Störungen.

Was wird unter F16.- codiert?

F16 umfasst alle psychischen und Verhaltensstörungen, die durch den Konsum von Halluzinogenen verursacht werden. Halluzinogene sind Substanzen, die vor allem Wahrnehmungsveränderungen und Halluzinationen hervorrufen. Zu den typischen Halluzinogenen zählen unter anderem LSD, Psilocybin (Zauberpilze), Mescalin, DMT sowie dissoziative Substanzen wie Ketamin. Die Diagnosen unter F16 beschreiben verschiedene Zustände wie akute Intoxikationen, schädlichen Gebrauch, Abhängigkeit, Entzugssyndrome und andere psychische Störungen, die im Zusammenhang mit dem Konsum von Halluzinogenen stehen.

 

Beispiele für Substanzgruppen:

  • LSD (Lysergsäurediethylamid)
  • Psilocybinhaltige Pilze
  • Mescalin (aus Peyote)
  • DMT (Dimethyltryptamin)
  • Ketamin und andere dissoziative Halluzinogene

F16.0 – Akute Intoxikation

Ein vorübergehender Zustand nach dem Konsum von Halluzinogenen, bei dem es zu Störungen des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der Stimmung, des Denkens oder des Verhaltens kommt.

Der Schweregrad hängt von Dosis, individueller Empfindlichkeit, Umgebung und psychischer Verfassung ab. In der Regel ist der Zustand reversibel, kann aber sehr intensiv und verstörend erlebt werden.

 

Typische Anzeichen einer akuten Intoxikation durch Halluzinogene:

  • Wahrnehmungsverzerrungen (z. B. veränderte Farben, Formen, Geräusche)
  • Halluzinationen (meist visuell)
  • Entfremdungsgefühle (Depersonalisation, Derealisation)
  • Stimmungsschwankungen, Euphorie oder Angst/Panik
  • Denkstörungen, Verwirrtheit
  • Gesteigerte Suggestibilität
  • Koordinations- und Urteilsstörungen
  • In seltenen Fällen: psychotische Episoden oder „Bad Trips“

 

Mögliche Unterformen:

  • F16.00 – Ohne Komplikationen
  • F16.01 – Mit körperlichen Verletzungen oder medizinischen Problemen
  • F16.03 – Mit deliranten Symptomen
  • F16.04 – Mit Halluzinationen oder schweren Wahrnehmungsverzerrungen
  • F16.05 – Mit Koma (extrem selten)
  • F16.06 – Mit Krampfanfällen (selten, ggf. bei Mischkonsum)
  • F16.07 – Mit aggressivem oder gefährlichem Verhalten
  • F16.09 – Nicht näher bezeichnet

F16.1 – Schädlicher Gebrauch

Die Diagnose F16.1 wird gestellt, wenn der Konsum von Halluzinogenen bereits zu gesundheitlichen Schäden geführt hat – körperlich oder psychisch –, ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt.

Der schädliche Gebrauch unterscheidet sich vom gelegentlichen Konsum dadurch, dass nachweisbare, negative Folgen auftreten – z. B. psychische Krisen, Unfälle oder anhaltende Wahrnehmungsstörungen.

 

Kriterien für schädlichen Gebrauch von Halluzinogenen:

  • Klar erkennbare Gesundheitsschäden, z. B.:
    • anhaltende Angst- oder Panikstörungen
    • depressive Zustände nach Konsum
    • Flashbacks oder anhaltende Wahrnehmungsstörungen (z. B. HPPD – Hallucinogen Persisting Perception Disorder)
    • Verletzungen oder Unfälle unter Drogeneinfluss
  • Die Schädigung muss ärztlich nachvollziehbar sein – subjektives Unwohlsein allein reicht nicht aus.
  • Der Gebrauch ist nicht einmalig oder rein experimentell, sondern Teil eines wiederholten oder anhaltenden Konsummusters.

 

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Kein Kontrollverlust oder Entzugssymptome wie bei der Abhängigkeit (F16.2)
  • Die Diagnose setzt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Halluzinogenkonsum und der beobachteten Schädigung voraus

F16.2 – Abhängigkeitssyndrom

Das Abhängigkeitssyndrom beschreibt ein Muster des Konsums von Halluzinogenen, bei dem der Konsum zunehmend das Denken, Handeln und Leben einer Person bestimmt.

Kriterien / Symptome F16.2 – Abhängigkeitssyndrom (Halluzinogene)
Zeitkriterium Letzten 12 Monate
Anzahl Symptome Mindestens 3 Symptome gleichzeitig
Symptom 1 Starkes Verlangen nach Halluzinogenen; innerer Drang oder Zwang zum Konsum
Symptom 2 Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung oder Menge des Konsums
Symptom 3 Körperliches oder psychisches Entzugssyndrom bei Abstinenz oder Reduktion
(z. B. Angst, Reizbarkeit, Schlafstörungen) oder Konsum zur Linderung dieser Symptome
Symptom 4 Toleranzentwicklung: zunehmende Mengen notwendig, um gleiche Wirkung zu erzielen
Symptom 5 Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen oder Verpflichtungen zugunsten des Konsums
Symptom 6 Anhaltender Konsum trotz deutlicher körperlicher, psychischer oder sozialer Folgen
Ausschlusskriterium Symptome sind nicht besser erklärbar durch gelegentlichen Konsum, medizinische Indikation ohne Abhängigkeitsmuster, akute Intoxikation oder andere psychische/organische Erkrankungen
ICD-10 Unterkategorien
  • F16.20 – gegenwärtig abstinent
  • F16.21 – gegenwärtig abstinent, aber in beschützter Umgebung
  • F16.23 – abstinent unter medikamentöser oder therapeutischer Behandlung
  • F16.24 – gegenwärtiger Substanzgebrauch (aktive Abhängigkeit)
  • F16.25 – ständiger Substanzgebrauch
  • F16.26 – episodischer Substanzgebrauch

F16.3 – Entzugssyndrom

Das Entzugssyndrom tritt auf, wenn der regelmäßige und längerfristige Konsum von Halluzinogenen reduziert oder plötzlich beendet wird. In seltenen Fällen kann der Körper – vor allem die Psyche – mit typischen Entzugssymptomen reagieren.

Diese Diagnose wird nur gestellt, wenn kein Delir (Verwirrtheitszustand mit Bewusstseinstrübung) vorliegt – sonst erfolgt die Kodierung unter F16.4 (Entzugssyndrom mit Delir).

 

Typische Entzugssymptome (vorwiegend psychisch):

  • Schlafstörungen
  • Reizbarkeit
  • Angst, innere Unruhe
  • depressive Verstimmungen
  • Konzentrationsprobleme
  • in Einzelfällen: visuelle Nachhallerscheinungen („Flashbacks“)
  • körperliche Symptome (selten): Kopfschmerzen, Unruhe, vegetative Symptome

 

Beginn & Dauer:

  • Symptome treten meist innerhalb von 24–48 Stunden nach dem letzten Konsum auf
  • Dauer: mehrere Stunden bis wenige Tage, abhängig von Konsummuster und psychischer Belastbarkeit

 

ICD-10 Unterkategorien:

  • F16.30 – Entzugssyndrom ohne Krampfanfälle
  • F16.31 – Entzugssyndrom mit Krampfanfällen (sehr selten, ggf. bei Mischkonsum)

 

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Kein Delir (→ sonst F16.4)
  • Nicht zu verwechseln mit kurzfristigen Nachwirkungen oder „Bad Trips“
  • Tritt meist im Zusammenhang mit bestehender Halluzinogenabhängigkeit (F16.2) auf

F16.4 – Entzugssyndrom mit Delir

Das halluzinogenbedingte Entzugssyndrom mit Delir ist eine seltene, aber schwere Komplikation beim Absetzen eines längerfristigen und intensiven Halluzinogenkonsums – insbesondere bei Personen mit starker psychischer Belastung oder Mischkonsum.

Kennzeichnend ist ein akuter Verwirrtheitszustand (Delir) in Verbindung mit Entzugssymptomen. Oft treten dabei optische Halluzinationen, starke Unruhe und Desorientierung auf.

Typische Symptome eines halluzinogenbedingten Entzugsdelirs:

  • Bewusstseinstrübung mit schwerer Desorientierung (Zeit, Ort, Person)
  • Optische oder akustische Halluzinationen (z. B. Farben, Muster, Stimmen)
  • Starke Unruhe, Angst, Verfolgungsideen
  • Vegetative Übererregung: Zittern, Schwitzen, Tachykardie, Hypertonie
  • Schlaflosigkeit, Tag-Nacht-Umkehr
  • Starke Stimmungsschwankungen, wechselnde Aufmerksamkeit
  • In Einzelfällen: Krampfanfälle oder aggressive Durchbrüche

 

Beginn & Verlauf:

  • Typischerweise 1–3 Tage nach Absetzen der Substanz
  • Verlauf kann akut, schwer beeinträchtigend und potenziell gefährlich sein
  • Meist intensivmedizinisch behandlungsbedürftig

 

ICD-10 Unterkategorien:

  • F16.40 – Entzugssyndrom mit Delir ohne Krampfanfälle
  • F16.41 – Entzugssyndrom mit Delir und Krampfanfällen

 

Hinweis:

Ein halluzinogenbedingtes Entzugsdelir ist ein psychiatrischer Notfall, der sofortige ärztliche Behandlung und engmaschige Überwachung erfordert. Mischkonsum (z. B. mit Alkohol oder Sedativa) erhöht das Risiko erheblich.

F16.5 – Psychotische Störung

Die Diagnose F16.5 beschreibt eine psychotische Störung, die im Zusammenhang mit der Einnahme von Halluzinogenen (z. B. LSD, Psilocybin, DMT) auftritt. Sie kann während des Konsums, direkt danach oder in seltenen Fällen mit zeitlicher Verzögerung auftreten.

Typisch sind Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Realitätsverlust, die über das Maß einer gewöhnlichen Rauschwirkung hinausgehen und nicht allein durch ein Delirium erklärbar sind.

 

Typische Merkmale:

  • Intensive optische oder akustische Halluzinationen (z. B. Stimmen, verzerrte Wahrnehmung)
  • Paranoide Wahnideen, z. B. Verfolgung, Verschwörung, Beziehungswahn
  • Gefühl des Kontrollverlusts, starke emotionale Reaktionen (Angst, Panik, Aggression)
  • Desorganisiertes Denken, Realitätsverkennung
  • Keine Bewusstseinstrübung wie beim Delir (→ sonst F16.4)

 

Abgrenzung zu anderen Diagnosen:

  • Kein Entzugsdelir (→ sonst F16.4)
  • Symptome treten nicht nur während eines akuten „Trips“ auf
  • Dauer: Symptome können Stunden bis mehrere Tage (selten Wochen) anhalten
  • Auch möglich nach einmaligem Konsum bei prädisponierten Personen

 

Unterformen (ICD-10):

  • F16.50 – Psychotische Störung ohne schizophrener Symptomatik
  • F16.51 – Psychotische Störung mit schizophrener Symptomatik
      (z. B. Stimmen, die kommentieren, Gedankenentzug/-eingebung)

 

Hinweis:

Halluzinogeninduzierte Psychosen sind selten, können aber bei entsprechender Vulnerabilität (z. B. genetischer Disposition zu Psychosen) auftreten. In solchen Fällen kann die Psychose chronisch werden und eine dauerhafte psychiatrische Behandlung erforderlich machen.

F16.6 – Amnestisches Syndrom

Diese Diagnose beschreibt eine anhaltende Störung des Gedächtnisses, die nach dem Konsum von Halluzinogenen (z. B. LSD, Psilocybin, DMT) auftritt. Sie ist selten, kann aber bei besonders intensiver oder wiederholter Einnahme sowie individueller Vulnerabilität vorkommen.

Im Gegensatz zu kurzfristigen Wahrnehmungsstörungen während des Rauschs ist hier das Gedächtnis dauerhaft beeinträchtigt, vor allem das Kurzzeit- bzw. Neugedächtnis. Andere kognitive Funktionen können weitgehend erhalten bleiben.

 

Typische Merkmale:

  • Ausgeprägte Störung des Kurzzeitgedächtnisses
  • Schwierigkeiten, neue Informationen zu speichern oder abzurufen
  • Zeitliche und räumliche Desorientierung
  • Konfabulationen: Betroffene füllen Erinnerungslücken mit erfundenen Inhalten
  • Sprache, Aufmerksamkeit und allgemeine Intelligenz meist weniger betroffen

 

Verlauf:

  • Entwickelt sich schleichend oder nach einer schwerwiegenden Halluzinogenerfahrung
  • Kann langanhaltend oder irreversibel sein
  • In Einzelfällen mit anhaltenden neurotoxischen Effekten durch Substanzen wie PCP oder synthetische Halluzinogene verbunden

 

Hinweis:

Das amnestische Syndrom durch Halluzinogene ist nicht Folge eines akuten Rauschs oder einer Psychose, sondern eine dauerhafte hirnorganische Schädigung. Es erfordert differenzialdiagnostisch die Abgrenzung zu anderen Ursachen wie Hirntrauma oder Wernicke-Korsakow-Syndrom (bei Alkohol).

F16.7 – Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung

Diese Diagnose beschreibt anhaltende oder verzögert auftretende psychische Störungen, die nach dem Konsum von Halluzinogenen bestehen bleiben – auch wenn der Konsum längst beendet wurde.

Solche Folgezustände können sich entweder im Anschluss an eine akute Intoxikation (z. B. „Bad Trip“) entwickeln oder erst Tage bis Monate nach dem Konsum auftreten. Besonders bei LSD oder anderen starken Halluzinogenen sind solche Langzeitwirkungen möglich.

 

Typische Merkmale:

  • Chronisch anhaltende psychische Veränderungen, z. B.:
    • Wahnvorstellungen
    • Halluzinationen (v. a. visuell)
    • Depressive oder ängstliche Verstimmungen
    • Denkstörungen oder Ich-Störungen
  • Kein akuter Rauschzustand mehr vorhanden
  • Symptome halten über Wochen bis Monate an
  • Zeitlicher Abstand zwischen Substanzkonsum und Symptombeginn möglich

 

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Nicht im Rahmen einer akuten Intoxikation oder eines Flashbacks
  • Nicht organisch bedingt (→ keine strukturelle Hirnschädigung)
  • Symptome müssen klar dem Halluzinogenkonsum zuordenbar sein

 

ICD-10 Unterkategorien:

  • F16.70 – Ohne schizophrenie-ähnliche Symptome
  • F16.71 – Mit schizophrenie-ähnlichen Symptomen (z. B. paranoides Erleben, kommentierende Stimmen)

 

Hinweis:

Diese Kategorie wird verwendet, wenn anhaltende psychische Störungen als direkte Spätfolge des Halluzinogenkonsums auftreten – selbst nach einer längeren Abstinenzphase. Eine sorgfältige differenzialdiagnostische Abklärung (z. B. gegen primär psychotische Störungen) ist essenziell.

F16.8 – Sonstige psychische und Verhaltensstörungen

Diese Kategorie umfasst alle psychischen oder Verhaltensstörungen, die eindeutig im Zusammenhang mit Halluzinogenkonsum stehen, aber nicht durch die spezifischen Kategorien F16.0–F16.7 ausreichend beschrieben werden können.

F16.8 dient als Auffangdiagnose für seltene, schlecht einzuordnende oder gemischte Störungsbilder nach Halluzinogenkonsum, wenn keine andere spezifischere F16-Diagnose passt.

F16.9 – Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung

Diese Diagnose wird verwendet, wenn eine psychische oder verhaltensbezogene Störung eindeutig im Zusammenhang mit dem Konsum von Halluzinogenen steht, aber nicht genau bestimmt oder klassifiziert werden kann.

F16.9 ist eine unspezifische Restkategorie innerhalb der F16-Gruppe – sie dient der vorläufigen oder übergeordneten Diagnosestellung, wenn keine exaktere Einordnung möglich ist.

Weitere ICD-10-Diagnosen

Sie möchten mehr über verwandte psychische Störungen erfahren? Hier finden Sie Informationen zu anderen Kapiteln der ICD-10 – kompakt und verständlich erklärt.

ICD-10 Diagnosen

  • F00-F09 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
  • F10-F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
  • F20- F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
  • F30-F39 Affektive Störungen
    F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
  • F50-F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
    F60-F69 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
  • F70-F79 Intelligenzstörung
  • F80-F89 Entwicklungsstörungen
  • F90-F98 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
  • F99-F99 Nicht näher bezeichnete psychische Störungen

Quellen

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