F-Diagnosen ICD 10F10-F19 → F13 Psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika

F13 Psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika

Die ICD-10-Diagnosegruppe F13 umfasst psychische und Verhaltensstörungen durch den Konsum von Sedativa oder Hypnotika – darunter Benzodiazepine oder Barbiturate. Sie beschreibt Störungen wie akute Vergiftungen, Abhängigkeit oder Entzugssymptome, die im Zusammenhang mit diesen beruhigenden Substanzen stehen. Die Klassifikation unterstützt eine differenzierte Diagnostik und zielgerichtete Behandlung.

Was sind Sedativa und Hypnotika?

Sedativa und Hypnotika sind Arzneimittel, die das zentrale Nervensystem dämpfen und vor allem zur Beruhigung, Angstminderung und Schlafförderung eingesetzt werden.

  • Sedativa wirken beruhigend und angstlösend. Sie helfen, innere Unruhe, Nervosität oder Spannungszustände zu reduzieren, ohne dabei unbedingt den Schlaf herbeizuführen.
  • Hypnotika fördern gezielt das Einschlafen und die Aufrechterhaltung des Schlafs. Sie werden hauptsächlich bei Schlafstörungen verwendet.

Die Wirkweise dieser Medikamente beruht häufig auf der Verstärkung der hemmenden Signalübertragung im Gehirn, insbesondere über den Neurotransmitter GABA (Gamma-Aminobuttersäure). Dadurch werden Nervenzellen weniger aktiv, was zu einer Beruhigung und Entspannung führt.

Typische Wirkstoffgruppen und Substanzen:

  • Benzodiazepine:
    Diazepam (Valium), Lorazepam (Tavor), Alprazolam (Xanax), Oxazepam, Bromazepam, Clonazepam (Rivotril)
  • Z-Substanzen (Nicht-Benzodiazepine):
    Zolpidem (Stilnox), Zopiclon (Imovane), Eszopiclon (Lunesta)
  • Barbiturate:
    Phenobarbital, Thiopental, Pentobarbital
  • Sedierende Antihistaminika:
    Diphenhydramin (z. B. in einigen Schlafmitteln), Hydroxyzin (Atarax), Promethazin
  • Melatonin und Melatonin-Agonisten:
    Melatonin (Circadin), Ramelteon
  • Andere:
    Baldrian (pflanzlich), Mirtazapin (antidepressiv, sedierend), Trazodon (antidepressiv, schlaffördernd)

Sedativa und Hypnotika sollten aufgrund ihres Abhängigkeits- und Missbrauchspotenzials nur kurzfristig und unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden. Langfristiger Gebrauch kann zu Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen und Beeinträchtigungen im Alltag führen.

F13.0 – Akute Intoxikation

Ein vorübergehender Zustand nach dem Konsum von Beruhigungsmitteln oder Schlafmitteln (Sedativa/Hypnotika), bei dem es zu Störungen des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der Stimmung, des Denkens oder des Verhaltens kommt.

Der Schweregrad hängt von Dosis, individueller Empfindlichkeit, Begleitfaktoren (z. B. Alkoholkombination) sowie der Umgebung ab. In der Regel ist der Zustand reversibel – bei Überdosierung jedoch potenziell lebensbedrohlich.

 

Typische Anzeichen einer akuten Intoxikation:

  • Verlangsamtes Denken und Sprechen
  • Schläfrigkeit bis zur Bewusstlosigkeit
  • Unsicherer Gang, verwaschene Sprache
  • Verminderte Reaktionsfähigkeit
  • Reizbarkeit oder paradoxe Erregung
  • Gedächtnisstörungen und Orientierungsverlust

 

Mögliche Unterformen:

  • F13.00 – Akute Intoxikation ohne Komplikationen
  • F13.01 – Mit körperlichen Verletzungen oder medizinischen Problemen
  • F13.03 – Mit deliranten Symptomen (z. B. medikamentenbedingter Verwirrtheitszustand)
  • F13.04 – Mit Halluzinationen oder Wahrnehmungsverzerrungen
  • F13.05 – Mit Koma
  • F13.06 – Mit Krampfanfällen
  • F13.07 – Mit aggressivem oder gefährlichem Verhalten
  • F13.09 – Nicht näher bezeichnet

F13.1 – Schädlicher Gebrauch

Ein Gebrauchsmuster von Beruhigungs- oder Schlafmitteln, das zu nachweisbaren körperlichen oder psychischen Gesundheitsschäden führt. Die Störungen entstehen durch wiederholten oder anhaltenden Konsum – nicht nur durch eine einzelne Einnahme.

 

Mögliche Folgen eines schädlichen Gebrauchs:

  • Kognitive Beeinträchtigungen (z. B. Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen)
  • Depressive Verstimmungen oder Angstzustände
  • Stürze, Unfälle oder Verletzungen unter Einfluss
  • Medikamenteninduzierte Schlafstörungen
  • Überhangsymptome wie Benommenheit am Folgetag

Wichtig: Die Schädigung muss medizinisch nachvollziehbar sein. Subjektives Unwohlsein reicht für die Diagnose nicht aus.

 

Abgrenzung zur Abhängigkeit (F13.2):

  • Kein starker Drang (Craving)
  • Keine Entzugssymptome
  • Keine Toleranzentwicklung
  • Kein Kontrollverlust über Einnahme

F13.2 – Abhängigkeitssyndrom

Das Abhängigkeitssyndrom beschreibt ein Muster des Konsums von beruhigenden oder schlaffördernden Substanzen, bei dem diese Mittel zunehmend das Denken, Handeln und Leben einer Person bestimmen.

Kriterien / Symptome F13.2 – Abhängigkeitssyndrom (Sedativa/Hypnotika)
Zeitkriterium Letzten 12 Monate
Anzahl Symptome Mindestens 3 Symptome gleichzeitig
Symptom 1 Starkes Verlangen nach Sedativa/Hypnotika (Craving); ausgeprägter innerer Drang zum Konsum
Symptom 2 Verminderte Kontrollfähigkeit hinsichtlich Beginn, Beendigung oder Menge des Konsums
Symptom 3 Entzugssymptome bei Reduktion oder Absetzen (z. B. Unruhe, Angst, Schlaflosigkeit, Tremor)
oder Konsum zur Linderung dieser Symptome
Symptom 4 Toleranzentwicklung: zunehmend höhere Dosen notwendig, um gewünschte Wirkung zu erzielen
Symptom 5 Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen oder Verpflichtungen zugunsten des Konsums
Symptom 6 Anhaltender Konsum trotz deutlicher psychischer, körperlicher oder sozialer Folgen
(z. B. Leistungsabfall, Konflikte, gesundheitliche Beeinträchtigungen)
Ausschlusskriterium Symptome sind nicht besser erklärbar durch kurzzeitigen oder medizinisch indizierten Gebrauch ohne Abhängigkeitsmuster,
akute Intoxikation oder andere psychische/organische Erkrankungen
Unterkategorien
  • F13.20 – gegenwärtig abstinent
  • F13.21 – gegenwärtig abstinent, aber in beschützter Umgebung
  • F13.23 – abstinent unter medikamentöser oder therapeutischer Behandlung
  • F13.24 – gegenwärtiger Substanzgebrauch (aktive Abhängigkeit)
  • F13.25 – ständiger Substanzgebrauch
  • F13.26 – episodischer Substanzgebrauch

F13.3 – Entzugssyndrom

Das Entzugssyndrom tritt auf, wenn nach längerem, regelmäßigem Gebrauch von beruhigenden oder schlaffördernden Medikamenten (z. B. Benzodiazepinen oder Barbituraten) die Dosis reduziert oder die Einnahme plötzlich beendet wird. Der Körper reagiert auf den Substanzentzug mit typischen körperlichen und psychischen Beschwerden.

Diese Diagnose gilt nur, wenn kein Delir vorliegt – sonst wird F13.4 (Entzugssyndrom mit Delir) verwendet.

 

Typische Entzugssymptome:

  • Zittern (v. a. an Händen)
  • Schlafstörungen (Ein- und Durchschlafprobleme)
  • Angstzustände, innere Unruhe 😰
  • Reizbarkeit, Nervosität
  • Muskelverspannungen oder Schmerzen
  • Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden
  • Wahrnehmungsstörungen (z. B. Lichtempfindlichkeit)
  • In schweren Fällen: Krampfanfälle (→ ggf. F13.6)

 

Beginn & Dauer:

  • Beginn: meist 1–3 Tage nach Absetzen
  • Dauer: von einigen Tagen bis mehreren Wochen – je nach Substanz, Dosierung und Einnahmedauer

 

ICD-10 Unterkategorien:

  • F13.30 – Entzugssyndrom ohne Krampfanfälle
  • F13.31 – Entzugssyndrom mit Krampfanfällen

 

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Kein Delir (sonst F13.4)
  • Nicht zu verwechseln mit gelegentlichen Unwohlseinszuständen mit leichten Nebenwirkungen oder dem „Rebound-Effekt“
  • Oft im Rahmen einer bestehenden Abhängigkeit (F13.2)

F13.4 – Entzugssyndrom mit Delir

Das Entzugssyndrom mit Delir ist eine schwere, potenziell lebensbedrohliche Komplikation nach abruptem Absetzen oder starker Reduktion von Beruhigungs- oder Schlafmitteln wie Benzodiazepinen oder Barbituraten.

Im Vordergrund steht ein akuter Verwirrtheitszustand (Delir), der zusammen mit typischen Entzugssymptomen auftritt – häufig begleitet von Halluzinationen, starker Unruhe und vegetativen Reaktionen.

 

Typische Symptome:

  • Bewusstseinstrübung mit schwerer Desorientierung (Zeit, Ort, Person)
  • Optische Halluzinationen (z. B. Muster, Tiere, Schatten) 👁️
  • Starkes Zittern, Schwitzen, erhöhter Puls und Blutdruck
  • Angstzustände, Misstrauen, paranoide Gedanken
  • Schlafstörungen, Tag-Nacht-Umkehr 🌓
  • Reizbarkeit, schnelle Stimmungsschwankungen
  • In schweren Fällen: Krampfanfälle oder lebensbedrohliche Zustände

 

Beginn & Verlauf:

  • Beginn: meist innerhalb von 1–3 Tagen nach Absetzen
  • Verlauf: potenziell schwerwiegend, häufig stationär behandlungsbedürftig, teilweise intensivpflichtig

 

ICD-10-Unterkategorien:

  • F13.40 – Entzugssyndrom mit Delir ohne Krampfanfälle
  • F13.41 – Entzugssyndrom mit Delir und Krampfanfällen

 

Hinweis:

Das Entzugsdelir durch Sedativa oder Hypnotika ist ein medizinischer Notfall und erfordert eine sofortige, fachärztliche Behandlung – oft unter engmaschiger Überwachung in einer Klinik.

F13.5 – Psychotische Störung

Die Diagnose F13.5 beschreibt eine psychotische Störung, die im Zusammenhang mit dem Missbrauch oder der Abhängigkeit von Sedativa oder Hypnotika auftritt – etwa Benzodiazepinen oder ähnlichen beruhigenden Substanzen.
Die Symptome treten meist während oder kurz nach intensiver Einnahme, können aber auch nach Absetzen (z. B. im Rahmen eines Entzugs) auftreten.

Im Gegensatz zum Entzugsdelir (F13.4) liegt keine Bewusstseinstrübung vor – die Symptome sind psychotisch, nicht delirant.

 

Typische Merkmale:

  • Akustische Halluzinationen, z. B. Stimmenhören
  • Verfolgungswahn, Beziehungswahn, übertriebenes Misstrauen
  • Emotionale Erregung, Angstzustände, Feindseligkeit
  • Desorganisiertes Denken und Realitätsverlust
  • Keine Bewusstseinsstörung wie beim Delir

 

Abgrenzung zu anderen Diagnosen:

  • Kein Delir → sonst F13.4
  • Nicht allein durch Entzug erklärbar
  • Symptome dauern oft Tage bis Wochen
  • Meist bei chronischem oder hochdosiertem Gebrauch

 

ICD-10-Unterformen:

  • F13.50 – Ohne Schizophrenie-ähnliche Symptome
  • F13.51 – Mit Schizophrenie-ähnlichen Symptomen
    (z. B. kommentierende Stimmen, Befehle, paranoide Vorstellungen)

F13.6 – Amnestisches Syndrom

Das amnestische Syndrom unter F13.6 beschreibt eine anhaltende Gedächtnisstörung, die im Zusammenhang mit chronischem oder hochdosiertem Gebrauch von Sedativa oder Hypnotika (z. B. Benzodiazepine, Barbiturate) auftritt.

Betroffen ist vor allem das Kurzzeit- und Neugedächtnis, während andere geistige Fähigkeiten (z. B. Sprache oder Aufmerksamkeit) zunächst weniger stark beeinträchtigt sein können.

 

Typische Merkmale:

  • Schwere Störungen des Kurzzeitgedächtnisses 
  • Unfähigkeit, neue Informationen dauerhaft zu speichern
  • Zeitliche und räumliche Desorientierung
  • Konfabulationen – spontane Lückenfüller in Form erfundener Geschichten
  • Sprache, Intelligenz und Aufmerksamkeit oft relativ erhalten

 

Verlauf:

  • Entwickelt sich meist schleichend über Wochen bis Monate
  • In vielen Fällen irreversibel, besonders bei langjährigem Gebrauch
  • Häufig in Verbindung mit anderen neurologischen oder psychischen Störungen

 

Hinweis:

Das Syndrom ist keine akute Intoxikation oder ein Entzugseffekt, sondern eine persistierende hirnorganische Störung, meist durch toxische Effekte auf das Gehirn und mögliche Mangelzustände (z. B. bei schlechter Ernährung oder Selbstvernachlässigung).

F13.7 – Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung

Diese Kategorie umfasst anhaltende oder verzögert einsetzende psychische Störungen, die nach dem Konsum von Sedativa oder Hypnotika (z. B. Benzodiazepine, Barbiturate) bestehen bleiben – auch wenn der Substanzkonsum bereits eingestellt wurde.

Es handelt sich um Folgezustände, die sich entweder nach einem akuten substanzbedingten Zustand (z. B. Intoxikation, Entzugsdelir, Psychose) entwickeln oder erst Wochen bis Monate später auftreten.

Typische Merkmale:

  • Chronisch anhaltende psychische Veränderungen, z. B.:
  • Wahnvorstellungen
  • Halluzinationen
  • Stimmungsschwankungen
  • Denkstörungen
  • Kein akuter Rausch oder Entzugssymptomatik mehr vorhanden
  • Zeitlicher Abstand zwischen Substanzkonsum und Symptombeginn möglich
  • Kein akuter Bewusstseinsverlust wie beim Delir

 

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Nicht akut (→ keine Intoxikation oder aktiver Entzug)
  • Nicht primär organisch bedingt (z. B. keine Demenz)
  • Symptome müssen eindeutig mit dem früheren Gebrauch von Sedativa oder Hypnotika in Verbindung stehen

 

ICD-10 Unterkategorien:

  • F13.70 – Ohne Schizophrenie-ähnliche Symptome
  • F13.71 – Mit Schizophrenie-ähnlichen Symptomen (z. B. kommentierende Stimmen, Kontrollwahn)

 

Hinweis:

Diese Diagnose wird gestellt, wenn anhaltende psychische Störungen als Spätfolge des Konsums von Sedativa oder Hypnotika bestehen – auch nach einer längeren Abstinenzphase.

F13.8 – Sonstige psychische und Verhaltensstörungen

Diese Kategorie erfasst alle psychischen und Verhaltensstörungen, die eindeutig im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Sedativa oder Hypnotika (z. B. Benzodiazepine, Barbiturate) stehen, aber nicht spezifisch durch die vorhergehenden Kategorien (F13.0–F13.7) beschrieben werden können.

F13.8 dient somit als Auffangdiagnose für seltene, ungewöhnliche oder nicht eindeutig klassifizierbare Störungen, die auf den Konsum dieser Substanzen zurückzuführen sind.

F13.9 – Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung

Die Diagnose F13.9 wird verwendet, wenn eine psychische oder verhaltensbezogene Störung eindeutig im Zusammenhang mit dem Konsum von Sedativa oder Hypnotika steht, aber nicht genauer bestimmt oder klassifiziert werden kann.

Sie dient als unspezifische Restkategorie innerhalb der F13-Gruppe – also für Fälle, in denen nicht genügend Informationen vorliegen, um eine präzisere Diagnose (z. B. F13.2 oder F13.5) zu stellen.

Weitere ICD-10-Diagnosen

Sie möchten mehr über verwandte psychische Störungen erfahren? Hier finden Sie Informationen zu anderen Kapiteln der ICD-10 – kompakt und verständlich erklärt.

ICD-10 Diagnosen

  • F00-F09 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
  • F10-F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
  • F20- F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
  • F30-F39 Affektive Störungen
    F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
  • F50-F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
    F60-F69 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
  • F70-F79 Intelligenzstörung
  • F80-F89 Entwicklungsstörungen
  • F90-F98 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
  • F99-F99 Nicht näher bezeichnete psychische Störungen

Quellen

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