F-Diagnosen ICD 10F10-F19 → F12 Psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide

F12 Psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide

Die ICD-10-Diagnosegruppe F12 beschreibt psychische und Verhaltensstörungen infolge des Konsums von Cannabinoiden, wie etwa THC-haltigem Cannabis (Marihuana, Haschisch). Sie erfasst verschiedene Störungsbilder – von akuter Intoxikation über Abhängigkeit bis hin zu anhaltenden psychotischen Symptomen. Die Einteilung dient der klaren Diagnosestellung und einer gezielten therapeutischen Versorgung cannabisbezogener Störungen.

F12.0 – Akute Intoxikation

Ein vorübergehender Zustand nach dem Konsum von Cannabis oder anderen Cannabinoiden, bei dem es zu Störungen des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der Stimmung, des Denkens oder des Verhaltens kommt.

Der Schweregrad hängt von der Menge, individuellen Verträglichkeit, der Umgebung und Situation ab. In der Regel ist der Zustand reversibel.

 

Typische Anzeichen einer akuten Intoxikation durch Cannabinoide:

  • Enthemmtes oder unangepasstes Verhalten
  • Euphorie, Angst oder Paranoia
  • Wahrnehmungsveränderungen (z. B. veränderte Zeitwahrnehmung)
  • Beeinträchtigte Koordination und Reaktionsfähigkeit
  • Verminderte Urteilsfähigkeit
  • In seltenen Fällen Bewusstseinsveränderungen bis hin zu Verwirrtheit

 

Mögliche Unterformen (klinisch):

  • F12.00 – Akute Intoxikation ohne Komplikationen
  • F12.01 – Mit körperlichen Verletzungen oder medizinischen Problemen
  • F12.03 – Mit deliranten Symptomen (z. B. Cannabis-induziertes Delir)
  • F12.04 – Mit Halluzinationen oder Wahrnehmungsverzerrungen
  • F12.05 – Mit Koma
  • F12.06 – Mit Krampfanfällen
  • F12.07 – Mit aggressivem oder gefährlichem Verhalten
  • F12.09 – Nicht näher bezeichnet

F12.1 – Schädlicher Gebrauch

Die Diagnose beschreibt einen Konsum von Cannabis oder anderen Cannabinoiden, der zu körperlichen oder psychischen Schäden führt. Dabei steht nicht die Abhängigkeit im Vordergrund, sondern negative Folgen durch den Gebrauch.

 

Typische Merkmale des schädlichen Gebrauchs:

  • Deutliche Beeinträchtigung der Gesundheit durch den Cannabiskonsum
  • Auftreten körperlicher Beschwerden oder psychischer Probleme (z. B. Angst, Depression)
  • Fortgesetzter Konsum trotz nachweisbarer Schäden
  • Beeinträchtigung sozialer, beruflicher oder anderer wichtiger Lebensbereiche

 

Abgrenzung:

  • Kein Vollbild einer Abhängigkeit (→ F12.2)
  • Schäden müssen bereits erkennbar sein
  • Kein Entzugssyndrom oder psychotische Symptome (→ andere F12-Codes)

F12.2 – Abhängigkeitssyndrom

Das Abhängigkeitssyndrom beschreibt ein Muster des Cannabiskonsums, bei dem Cannabis zunehmend das Denken, Handeln und Leben einer Person bestimmt.

Kriterien / Symptome F12.2 – Abhängigkeitssyndrom (Cannabis)
Zeitkriterium Letzten 12 Monate
Anzahl Symptome Mindestens 3 Symptome gleichzeitig
Symptom 1 Starkes Verlangen nach Cannabis (Craving); ausgeprägter innerer Drang zum Konsum
Symptom 2 Verminderte Kontrollfähigkeit hinsichtlich Beginn, Beendigung oder Menge des Cannabiskonsums
Symptom 3 Entzugssymptome bei Beendigung oder Reduktion des Konsums (z. B. Reizbarkeit, Schlafstörungen,
Appetitminderung, Unruhe, depressive Verstimmung) oder Konsum zur Linderung dieser Symptome
Symptom 4 Toleranzentwicklung: zunehmender Bedarf an höheren Cannabismengen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen
Symptom 5 Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen, schulischer, beruflicher oder sozialer Verpflichtungen
zugunsten des Cannabiskonsums
Symptom 6 Anhaltender Cannabiskonsum trotz nachweislicher psychischer, körperlicher oder sozialer Folgen
(z. B. Leistungsabfall, Angststörungen, Konflikte)
Ausschlusskriterium Die Symptome sind nicht besser erklärbar durch akute Intoxikation, gelegentlichen Konsum ohne Abhängigkeitsmuster
oder andere psychische bzw. organische Erkrankungen
ICD-10 Unterkategorien
  • F12.20 – gegenwärtig abstinent
  • F12.21 – gegenwärtig abstinent, aber in beschützter Umgebung
  • F12.23 – abstinent unter medikamentöser oder therapeutischer Behandlung
  • F12.24 – gegenwärtiger Substanzgebrauch (aktive Abhängigkeit)
  • F12.25 – ständiger Substanzgebrauch
  • F12.26 – episodischer Substanzgebrauch

F12.3 – Entzugssyndrom

Das Entzugssyndrom tritt nach plötzlichem Absetzen oder starkem Reduzieren des Cannabiskonsums auf und ist durch körperliche und psychische Symptome gekennzeichnet, die in der Regel einige Tage bis Wochen andauern.

 

Typische Entzugssymptome:

  • Reizbarkeit, Angst, Nervosität
  • Schlafstörungen (z. B. Einschlafprobleme, Albträume)
  • Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmung
  • Körperliche Beschwerden wie Schwitzen, Zittern, Appetitlosigkeit
  • Verlangen nach Cannabis (Craving)

 

Verlauf:

  • Symptome beginnen meist innerhalb von 1–3 Tagen nach Absetzen
  • Höhepunkt in den ersten 1–2 Wochen
  • In der Regel vollständige Erholung innerhalb weniger Wochen

F12.4 – Entzugssyndrom mit Delir

Das Entzugssyndrom mit Delir ist eine schwere Komplikation nach plötzlichem Absetzen oder starkem Reduzieren des Cannabiskonsums. Es zeichnet sich durch eine akute Verwirrtheit mit Bewusstseinsstörungen, Halluzinationen und Desorientierung aus.

 

Typische Merkmale:

  • Starke Verwirrtheit und Desorientierung
  • Bewusstseinsstörungen bis hin zu Bewusstseinsverminderung
  • Halluzinationen (visuell, akustisch)
  • Agitiertheit oder extreme Erregung
  • Schwankende Aufmerksamkeit und Wahrnehmung

 

Verlauf und Abgrenzung:

  • Meistens innerhalb von Stunden bis Tagen nach Absetzen oder Reduktion
  • Medizinischer Notfall, der sofortige Behandlung erfordert
  • Abzugssyndrom mit Delir unterscheidet sich vom einfachen Entzug (F12.3) durch Bewusstseinsstörung und schwere psychische Symptome

F12.5 – Psychotische Störung

Diese Diagnose umfasst psychotische Symptome, die im Zusammenhang mit dem Konsum von Cannabis oder anderen Cannabinoiden auftreten. Die Störung entwickelt sich meist während oder kurz nach dem Konsum und kann Halluzinationen, Wahnvorstellungen und andere Störungen der Wahrnehmung und des Denkens beinhalten.

 

Typische Merkmale:

  • Akustische oder visuelle Halluzinationen
  • Wahnvorstellungen, z. B. Verfolgungswahn oder Beziehungswahn
  • Paranoides Denken
  • Starke emotionale Erregung, Angst oder Verwirrung
  • Keine Bewusstseinsstörung wie bei einem Delir (F12.4)

 

Verlauf und Abgrenzung:

  • Symptome treten meist akut oder kurz nach Cannabiskonsum auf
  • Psychotische Symptome halten oft länger an als eine Intoxikation
  • Abgrenzung zu anderen psychotischen Störungen durch andere Ursachen

F12.6 – Amnestisches Syndrom

Das amnestische Syndrom beschreibt eine schwere Beeinträchtigung des Gedächtnisses, die durch den langfristigen oder intensiven Konsum von Cannabis oder anderen Cannabinoiden verursacht wird. Betroffene haben Schwierigkeiten, neue Informationen zu speichern oder sich an Vergangenes zu erinnern.

 

Typische Merkmale:

  • Schwere Störungen des Kurzzeitgedächtnisses
  • Unfähigkeit, neue Informationen dauerhaft zu speichern
  • Desorientierung in Zeit und Raum
  • Konfabulationen (Erfinden von Geschichten zur Erklärung von Erinnerungslücken)
  • Relativ stabile Sprache, Intelligenz und Aufmerksamkeit

 

Verlauf:

  • Entwickelt sich meist schleichend über längere Zeiträume
  • In vielen Fällen irreversibel

 

Hinweis:

Das amnestische Syndrom ist eine ernsthafte Hirnschädigung und häufig Folge langjähriger Abhängigkeit in Kombination mit mangelhafter Ernährung.

F12.7 – Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung

Diese Diagnose beschreibt psychotische Symptome, die nach längerem oder intensivem Cannabiskonsum bestehen bleiben oder verzögert auftreten – also nicht unmittelbar im Zusammenhang mit dem akuten Konsum stehen.

 

Typische Merkmale:

  • Chronisch anhaltende psychische Veränderungen, z. B.:
    • Wahnvorstellungen
    • Halluzinationen
    • Stimmungsschwankungen
    • Denkstörungen
  • Symptome dürfen nicht Folge eines akuten Entzugs oder Rausches sein
  • Zeitlicher Abstand zwischen Cannabiskonsum und Symptombeginn möglich
  • Kein akuter Bewusstseinsverlust wie bei Delirien

 

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Nicht akut (→ keine Intoxikation oder Entzugssymptome)
  • Nicht organisch bedingt (z. B. keine Demenz)
  • Symptome müssen eindeutig mit früherem Cannabiskonsum verknüpft sein

 

ICD-10 Unterkategorien:

  • F10.70 – Ohne Schizophrenie-ähnliche Symptome
  • F10.71 – Mit Schizophrenie-ähnlichen Symptomen

 

Hinweis:

Diese Diagnose wird verwendet, wenn dauerhafte psychische Störungen als Spätfolge von Cannabismissbrauch bestehen – auch nach einer Phase der Abstinenz.

F12.8 – Sonstige psychische und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide

Diese Kategorie erfasst alle psychischen und Verhaltensstörungen, die eindeutig im Zusammenhang mit Cannabiskonsum stehen, aber nicht genauer durch die vorhergehenden spezifischen Kategorien (F12.0–F12.7) beschrieben werden können.

F12.8 dient als Auffangdiagnose für seltene oder nicht klassifizierbare Cannabisbezogene Störungen.

F12.9 – Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung durch Cannabinoide

Die Diagnose F12.9 wird verwendet, wenn eine psychische oder verhaltensbezogene Störung eindeutig im Zusammenhang mit Cannabiskonsum steht, aber nicht genau bestimmt oder klassifiziert werden kann.

Sie ist eine unspezifische Restkategorie innerhalb der F12-Gruppe – also für Fälle, in denen nicht genügend Informationen vorliegen, um eine präzisere Diagnose (z. B. F12.2 oder F12.5) zu stellen.

Weitere ICD-10-Diagnosen

Sie möchten mehr über verwandte psychische Störungen erfahren? Hier finden Sie Informationen zu anderen Kapiteln der ICD-10 – kompakt und verständlich erklärt.

ICD-10 Diagnosen

  • F00-F09 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
  • F10-F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
  • F20- F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
  • F30-F39 Affektive Störungen
    F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
  • F50-F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
    F60-F69 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
  • F70-F79 Intelligenzstörung
  • F80-F89 Entwicklungsstörungen
  • F90-F98 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
  • F99-F99 Nicht näher bezeichnete psychische Störungen

Quellen

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