F-Diagnosen ICD 10F10-F19 → F11 Psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide

F11 Psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide

Die ICD-10-Diagnosegruppe F11 umfasst psychische und Verhaltensstörungen durch den Konsum von Opioiden – etwa Heroin, Morphin oder Methadon. Sie klassifiziert verschiedene Störungsbilder wie akute Intoxikation, Abhängigkeit oder Entzugssymptome. Diese Einteilung hilft bei der gezielten Diagnose und Behandlung opioidbezogener Erkrankungen.

F11.0 – Akute Intoxikation

Die Diagnose F11.0 beschreibt den Zustand einer akuten Vergiftung durch Opioide, die meist infolge übermäßigen oder unsachgemäßen Konsums auftritt – sei es absichtlich oder versehentlich.

Im Vordergrund stehen reversible Bewusstseinsveränderungen und körperliche Symptome, die direkt auf die Wirkung des Opioids zurückzuführen sind.

 

Typische Symptome einer akuten Opioidintoxikation:

  • Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma
  • Atemdepression (verlangsamte oder flache Atmung)
  • Miosis (stecknadelgroße Pupillen)
  • Verlangsamung von Puls und Blutdruck
  • Übelkeit, Erbrechen, Schläfrigkeit
  • Bei Überdosierung: Atemstillstand, Lebensgefahr

F11.1 – Schädlicher Gebrauch

Die Diagnose F11.1 wird gestellt, wenn der Konsum von Opioiden bereits zu gesundheitlichen Schäden geführt hat – körperlich oder psychisch –, ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt.

Der schädliche Gebrauch unterscheidet sich vom gelegentlichen Konsum dadurch, dass negative Folgen nachweisbar sind, wie etwa Überdosierungen, Unfälle, Stürze oder psychische Beeinträchtigungen.

 

Typische Merkmale:

  • Wiederholter Konsum von Opioiden, z. B. Heroin, Morphin, Fentanyl
  • Der Konsum führt zu nachgewiesenen Gesundheitsschäden:
  • Körperlich: z. B. Atemdepression, Infektionen durch Injektionen
  • Psychisch: z. B. depressive Episoden, Angstzustände, Aggressionen
  • Die Kriterien einer Abhängigkeit (F11.2) sind noch nicht erfüllt

 

Hinweis:

Der schädliche Gebrauch kann eine Vorstufe zur Abhängigkeit sein. Er stellt bereits eine behandlungsbedürftige Störung dar und wird besonders bei jungen oder risikobelasteten Personen klinisch ernst genommen.

F11.2 – Abhängigkeitssyndrom

Das Abhängigkeitssyndrom beschreibt ein komplexes, psychisch und oft auch körperlich geprägtes Verlangen nach Opioiden, das zu einem anhaltenden oder wiederkehrenden Kontrollverlust über den Konsum führt.

Kriterien / Symptome F11.2 – Abhängigkeitssyndrom (Opioide)
Zeitkriterium Letzten 12 Monate
Anzahl Symptome Mindestens 3 Symptome gleichzeitig
Symptom 1 Starkes Verlangen nach Opioiden (Craving); innerer Drang oder Zwang zum Konsum
Symptom 2 Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung oder Menge des Opioidkonsums
Symptom 3 Körperliches Entzugssyndrom bei Reduktion oder Beendigung des Konsums (z. B. Unruhe, Schmerzen, Schwitzen, Durchfall)
oder Opioidkonsum zur Linderung dieser Symptome
Symptom 4 Toleranzentwicklung: Bedarf nach deutlich höheren Opioidmengen zur Erzielung der gewünschten Wirkung
Symptom 5 Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen oder Verpflichtungen zugunsten des Opioidkonsums
Symptom 6 Anhaltender Opioidkonsum trotz eindeutiger schädlicher körperlicher, psychischer oder sozialer Folgen
Ausschlusskriterium Symptome sind nicht besser erklärbar durch medizinisch indizierte Opioidtherapie ohne Abhängigkeitsmuster,
akute Intoxikation oder andere psychische bzw. organische Erkrankungen
ICD-10 Unterkategorien
  • F11.20 – gegenwärtig abstinent
  • F11.21 – gegenwärtig abstinent, aber in beschützter Umgebung
  • F11.22 – Teilnahme an einem ärztlich überwachten Substitutionsprogramm (z. B. Methadon, Buprenorphin)
  • F11.23 – abstinent unter aversiver oder hemmender Medikation
  • F11.24 – gegenwärtiger Substanzgebrauch (aktive Abhängigkeit)
  • F11.25 – ständiger Substanzgebrauch
  • F11.26 – episodischer Substanzgebrauch

F11.3 – Entzugssyndrom

Das Entzugssyndrom bei Opioiden entsteht, wenn der regelmäßige Konsum von Opioiden (z. B. Heroin, Morphin, Fentanyl) plötzlich reduziert oder abgesetzt wird. Es umfasst eine Reihe von körperlichen und psychischen Entzugssymptomen, die aus der Anpassung des Körpers an das Fehlen der Substanz resultieren.

 

Typische Symptome des Opioidentzugs:

  • Unruhe und Angst
  • Muskelschmerzen und Krämpfe
  • Gänsehaut (sogenannter „cold turkey“)
  • Übelkeit, Erbrechen und Durchfall
  • Schwitzen und vermehrter Tränenfluss
  • Schlafstörungen
  • Erhöhter Puls und Blutdruck
  • Weitgestellte Pupillen (Mydriasis)

 

Verlauf:

  • Symptome beginnen meist 6–12 Stunden nach letztem Konsum
  • Höhepunkt zwischen 24–72 Stunden
  • Dauer meist 5–10 Tage, können aber variieren
  • Selten lebensbedrohlich, aber sehr unangenehm und belastend

F11.4 – Entzugssyndrom mit Delir

Das Entzugssyndrom mit Delir bei Opioiden ist eine schwere, akute Komplikation des Opioidentzugs.

Es zeigt sich durch eine plötzliche, intensive Verwirrtheit (Delir), begleitet von halluzinatorischen Wahrnehmungen, vegetativen Symptomen und starken psychischen Störungen.

Dieses Delir kann lebensbedrohlich sein und erfordert eine sofortige medizinische Behandlung.

 

Typische Symptome:

  • Akute Verwirrtheit und Desorientierung
  • Visuelle und akustische Halluzinationen
  • Starke Unruhe und Angstzustände
  • Schwitzen, erhöhter Puls und Blutdruckschwankungen
  • Zittern und Krampfanfälle
  • Schlaflosigkeit

 

Verlauf:

  • Tritt meist innerhalb weniger Tage nach abruptem Absetzen von Opioiden auf
  • Verläuft meist schwer und potenziell lebensbedrohlich
  • Erfordert intensive medizinische Überwachung und Behandlung

F11.5 – Psychotische Störung

Die Diagnose F11.5 beschreibt eine psychotische Störung, die im Zusammenhang mit Opium-missbrauch oder -abhängigkeit auftritt. Sie entwickelt sich meist während oder kurz nach intensiver Opiumaufnahme, kann aber auch nach Absetzen (z. B. im Entzug) auftreten.

Charakteristisch sind Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder paranoides Denken, die nicht allein durch ein Delir erklärbar sind.

 

Typische Merkmale:

  • Akustische Halluzinationen (z. B. Stimmenhören)
  • Verfolgungswahn, Misstrauen, Beziehungswahn
  • Starke emotionale Erregung, Angst, Feindseligkeit
  • Desorganisiertes Denken oder Realitätsverlust
  • Keine Bewusstseinstrübung wie beim Delir (F11.4)

 

Abgrenzung zu anderen Diagnosen:

  • Kein Delir (→ sonst F11.4)
  • Nicht allein durch Entzug erklärbar
  • Psychotische Symptome halten oft länger an (Tage bis Wochen)
  • Meist bei langjährigem, chronischem Alkoholmissbrauch

 

Unterformen:

  • F11.50 – Ohne Schizophrenie-ähnliche Symptome
  • F11.51 – Mit Schizophrenie-ähnlichen Symptomen (z. B. Stimmen, die kommentieren oder Befehle geben)

F11.6 – Amnestisches Syndrom

Psychische und Verhaltensstörung durch Opioide, gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Gedächtnisstörung mit vor allem anterograder Amnesie (Unfähigkeit, neue Erinnerungen zu bilden). Diese Störung kann mit Desorientierung und kognitiven Defiziten einhergehen und ist meist Folge eines chronischen, schweren Missbrauchs von Opioiden. Das Amnestische Syndrom ist oft mit anderen neurotoxischen Schäden assoziiert und kann in manchen Fällen teilweise reversibel sein.

 

Typische Merkmale:

  • Schwere Störungen des Kurzzeitgedächtnisses
  • Unfähigkeit, neue Informationen dauerhaft zu speichern
  • Desorientierung in Zeit und Raum
  • Konfabulationen (Erfinden von Geschichten zur Erklärung von Erinnerungslücken)
  • Relativ stabile Sprache, Intelligenz und Aufmerksamkeit

 

Verlauf:

  • Entwickelt sich meist schleichend über längere Zeiträume
  • In vielen Fällen irreversibel
  • Oft verbunden mit anderen Alkoholfolgeerkrankungen, z. B. Polyneuropathie, Lebererkrankungen

 

Hinweis:

Das amnestische Syndrom ist eine ernsthafte Hirnschädigung und häufig Folge langjähriger Abhängigkeit in Kombination mit mangelhafter Ernährung.

F11.7 – Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung

Diese Diagnose umfasst anhaltende oder verzögert auftretende psychotische Symptome, die im Zusammenhang mit früherem Opioidkonsum stehen.

Die Symptome können Wochen oder Monate nach dem letzten Konsum auftreten und bestehen über einen längeren Zeitraum fort, oft unabhängig von akutem Drogenkonsum.

 

Typische Merkmale:

  • Chronisch anhaltende psychische Veränderungen, z. B.:
    • Wahnvorstellungen
    • Halluzinationen
    • Stimmungsschwankungen
    • Denkstörungen
  • Symptome dürfen nicht Folge eines akuten Entzugs oder Rausches sein
  • Zeitlicher Abstand zwischen Opiumkonsum und Symptombeginn möglich
  • Kein akuter Bewusstseinsverlust wie bei Delirien

 

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Nicht akut (→ keine Intoxikation oder Entzugssymptome)
  • Nicht organisch bedingt (z. B. keine Demenz)
  • Symptome müssen eindeutig mit früherem Opiumkonsum verknüpft sein

 

ICD-10 Unterkategorien:

  • F11.70 – Ohne Schizophrenie-ähnliche Symptome
  • F11.71 – Mit Schizophrenie-ähnlichen Symptomen

 

Hinweis:

Diese Diagnose wird verwendet, wenn dauerhafte psychische Störungen als Spätfolge von Opiummissbrauch bestehen – auch nach einer Phase der Abstinenz.

F11.8 – Sonstige psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide

Diese Kategorie erfasst alle psychischen und Verhaltensstörungen, die eindeutig im Zusammenhang mit Opiumkonsum stehen, aber nicht genauer durch die vorhergehenden spezifischen Kategorien (F11.0–F11.7) beschrieben werden können.

F11.8 dient als Auffangdiagnose für seltene oder nicht klassifizierbare alkoholbezogene Störungen.

F11.9 – Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung durch Opioide

Die Diagnose F11.9 wird verwendet, wenn eine psychische oder verhaltensbezogene Störung eindeutig im Zusammenhang mit Opiumkonsum steht, aber nicht genau bestimmt oder klassifiziert werden kann.

Sie ist eine unspezifische Restkategorie innerhalb der F10-Gruppe – also für Fälle, in denen nicht genügend Informationen vorliegen, um eine präzisere Diagnose (z. B. F11.2 oder F11.5) zu stellen.

Weitere ICD-10-Diagnosen

Sie möchten mehr über verwandte psychische Störungen erfahren? Hier finden Sie Informationen zu anderen Kapiteln der ICD-10 – kompakt und verständlich erklärt.

ICD-10 Diagnosen

  • F00-F09 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
  • F10-F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
  • F20- F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
  • F30-F39 Affektive Störungen
    F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
  • F50-F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
    F60-F69 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
  • F70-F79 Intelligenzstörung
  • F80-F89 Entwicklungsstörungen
  • F90-F98 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
  • F99-F99 Nicht näher bezeichnete psychische Störungen

Quellen

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