F-Diagnosen ICD 10F10-F19 → F14 Psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain

F14 Psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain

Die ICD-10-Diagnosegruppe F14 umfasst psychische und Verhaltensstörungen durch den Konsum von Kokain. Dazu zählen akute Intoxikationen, Abhängigkeit sowie Entzugssymptome. Diese Klassifikation erleichtert die präzise Diagnose und Behandlung kokainbedingter Störungen.

F14.0 – Akute Intoxikation

Ein vorübergehender Zustand nach dem Konsum von Kokain, bei dem es zu Störungen des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der Stimmung, des Denkens oder des Verhaltens kommt.

Der Schweregrad hängt von Menge, Verträglichkeit, Umgebung und Situation ab. In der Regel ist der Zustand reversibel.

 

Typische Anzeichen einer akuten Kokainintoxikation:

  • Euphorie oder gesteigerte Stimmung
  • Erhöhte Aktivität, Rededrang
  • Angst oder Paranoia
  • Verwirrtheit oder Denkstörungen
  • Erhöhter Puls, Blutdruck und Körpertemperatur
  • Unruhe oder Aggressivität
  • Im Extremfall Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma

 

Mögliche Unterformen:

  • F14.00 – Akute Kokainintoxikation ohne Komplikationen
  • F14.01 – Mit körperlichen Verletzungen oder medizinischen Problemen
  • F14.03 – Mit deliranten Symptomen (z. B. Verwirrtheit)
  • F14.04 – Mit Halluzinationen oder Wahrnehmungsverzerrungen
  • F14.05 – Mit Koma
  • F14.06 – Mit Krampfanfällen
  • F14.07 – Mit aggressivem oder gefährlichem Verhalten
  • F14.09 – Nicht näher bezeichnet

F14.1 – Schädlicher Gebrauch

Die Diagnose F14.1 wird gestellt, wenn der Konsum von Stimulanzien bereits zu gesundheitlichen Schäden geführt hat – körperlich oder psychisch –, ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt.

Der schädliche Gebrauch unterscheidet sich vom gelegentlichen Konsum dadurch, dass negative Folgen nachweisbar sind, wie etwa Überdosierungen, Unfälle, Stürze oder psychische Beeinträchtigungen.

 

Typische Merkmale:

  • Wiederholter Konsum von Stimulanzien, z. B. Kokain, Amphetamine, Methamphetamin
  • Der Konsum führt zu nachgewiesenen Gesundheitsschäden:
    • Körperlich: z. B. Herzrasen, Bluthochdruck, Schlaflosigkeit
    • Psychisch: z. B. Angstzustände, depressive Episoden, Aggressionen
  • Die Kriterien einer Abhängigkeit (F14.2) sind noch nicht erfüllt

 

Hinweis:

Der schädliche Gebrauch kann eine Vorstufe zur Abhängigkeit sein. Er stellt bereits eine behandlungsbedürftige Störung dar und wird besonders bei jungen oder risikobelasteten Personen klinisch ernst genommen.

F14.2 – Abhängigkeitssyndrom

Das Abhängigkeitssyndrom beschreibt ein Muster psychisch und oft körperlich geprägten Verlangens nach Kokain, das zu einem anhaltenden oder wiederkehrenden Kontrollverlust über den Konsum führt.

Kriterien / Symptome F14.2 – Abhängigkeitssyndrom (Kokain)
Zeitkriterium Letzten 12 Monate
Anzahl Symptome Mindestens 3 Symptome gleichzeitig
Symptom 1 Starkes Verlangen nach Kokain (Craving); innerer Drang oder Zwang zum Konsum
Symptom 2 Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung oder Menge des Kokainkonsums
Symptom 3 Körperliches oder psychisches Entzugssyndrom nach Reduktion oder Abstinenz
oder Konsum zur Linderung dieser Symptome (z. B. Reizbarkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen)
Symptom 4 Toleranzentwicklung: zunehmende Mengen notwendig, um gleiche Wirkung zu erzielen
Symptom 5 Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen oder Pflichten zugunsten des Kokainkonsums
Symptom 6 Anhaltender Konsum trotz deutlicher psychischer, körperlicher oder sozialer Folgen (z. B. Konflikte, Gesundheitsprobleme)
Ausschlusskriterium Symptome sind nicht besser erklärbar durch kurzzeitigen, gelegentlichen Gebrauch, medizinische Indikation ohne Abhängigkeitsmuster,
akute Intoxikation oder andere psychische/organische Erkrankungen
ICD-10 Unterkategorien
  • F14.20 – gegenwärtig abstinent
  • F14.21 – gegenwärtig abstinent, aber in beschützter Umgebung
  • F14.23 – abstinent unter medikamentöser oder therapeutischer Behandlung
  • F14.24 – gegenwärtiger Substanzgebrauch (aktive Abhängigkeit)
  • F14.25 – ständiger Substanzgebrauch
  • F14.26 – episodischer Substanzgebrauch

F14.3 – Entzugssyndrom

Das Entzugssyndrom tritt auf, wenn der regelmäßige und längerfristige Konsum von Stimulanzien reduziert oder plötzlich abgesetzt wird. Der Körper reagiert auf den Wegfall der Substanzen mit typischen physischen und psychischen Symptomen.

Diese Diagnose gilt nur, wenn kein Delir (akuter Verwirrtheitszustand mit Bewusstseinstrübung) vorliegt – sonst wird eine andere Diagnosen (z. B. F14.4 bei Delir) verwendet.

 

Typische Entzugssymptome:

  • Müdigkeit, Erschöpfung
  • Verstärkte Schlafbedürftigkeit (Hypersomnie)
  • Starke Depressionen oder dysphorische Verstimmung
  • Angst, innere Unruhe
  • Konzentrationsstörungen
  • Appetitlosigkeit oder vermehrter Appetit
  • Verlangsamte Bewegungen oder Antriebslosigkeit
  • Gelegentlich körperliche Symptome wie Muskelschmerzen oder Schwitzen

 

Beginn & Dauer:

Die Symptome treten meist innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen nach dem letzten Konsum auf und können mehrere Tage bis Wochen andauern, abhängig vom Konsummuster und der Substanz.

 

ICD-10 Unterkategorien:

  • F14.30 – Entzugssyndrom ohne schwere Komplikationen
  • F14.31 – Entzugssyndrom mit Komplikationen (z. B. Krampfanfällen)

 

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Kein Delir (sonst andere Diagnose)
  • Nicht zu verwechseln mit vorübergehenden Erschöpfungs- oder Stimmungsschwankungen
  • Tritt häufig im Rahmen einer bestehenden Abhängigkeit (F14.2) auf

F14.4 – Entzugssyndrom mit Delir

Diese Diagnose beschreibt eine seltene, aber schwerwiegende Komplikation beim Entzug von Stimulanzien wie Kokain oder Amphetaminen. Sie tritt auf, wenn nach abruptem Absetzen intensiven und langfristigen Konsums ein Delirium auftritt – ein akuter Zustand mit Bewusstseinstrübung, Desorientierung und psychischen wie vegetativen Symptomen.

 

Typische Symptome eines stimulantienbedingten Entzugsdelirs:

  • Bewusstseinstrübung mit schwerer Desorientierung (Zeit, Ort, Person)
  • Optische oder akustische Halluzinationen
  • Paranoide Wahnideen, extreme Angst
  • Starkes Schwitzen, Unruhe, erhöhter Puls und Blutdruck
  • Schlafstörungen, Tag-Nacht-Umkehr
  • Rascher Wechsel von Stimmung und Aufmerksamkeit
  • In schweren Fällen: Krampfanfälle oder bedrohliche vegetative Entgleisungen

 

Beginn & Verlauf:

Meist innerhalb der ersten 24–72 Stunden nach dem letzten Konsum.

F14.5 – Psychotische Störung

Die Diagnose F14.5 beschreibt eine psychotische Störung, die im Zusammenhang mit Kokainmissbrauch oder -abhängigkeit auftritt. Sie entwickelt sich meist während oder kurz nach massivem Kokainkonsum, kann aber auch nach Absetzen des Stoffs auftreten.

Im Vordergrund stehen Wahnvorstellungen, Halluzinationen und paranoides Denken, die nicht durch ein Delir erklärt werden können.

 

Typische Merkmale:

  • Optische oder akustische Halluzinationen (z. B. Stimmenhören, Kribbeln auf der Haut)
  • Verfolgungswahn, starkes Misstrauen, Beziehungswahn
  • Starke emotionale Erregung, Angst, Feindseligkeit
  • Psychomotorische Unruhe oder Aggressionen
  • Desorganisiertes Denken, Realitätsverlust
  • Keine Bewusstseinstrübung, also kein Delir (→ sonst F14.4)

 

Abgrenzung zu anderen Diagnosen:

  • Nicht im Rahmen eines Entzugsdelirs (→ sonst F14.4)
  • Psychotische Symptome sind nicht nur vorübergehend, sondern können Stunden bis Tage andauern
  • Häufig bei hochdosiertem oder chronischem Konsum von Kokain

 

Unterformen:

  • F14.50 – Ohne schizophrenie-ähnliche Symptome
  • F14.51 – Mit schizophrenie-ähnlichen Symptomen (z. B. Stimmen, die kommentieren oder Befehle geben)

F14.6 – Amnestisches Syndrom

Das amnestische Syndrom ist eine anhaltende Störung des Gedächtnisses, die in diesem Fall auf chronischen Missbrauch von Kokain zurückzuführen ist. Betroffen ist vor allem das Kurzzeitgedächtnis, während andere kognitive Leistungen (z. B. Sprache oder Aufmerksamkeit) oft vergleichsweise erhalten bleiben.

Auch wenn die amnestische Störung bei Kokainkonsum deutlich seltener ist als bei Alkohol, kann es durch neurotoxische Effekte von Kokain dennoch zu bleibenden Hirnschäden kommen – insbesondere bei langjährigem, hochdosiertem Gebrauch.

 

Typische Merkmale:

  • Schwere Störungen des Kurzzeitgedächtnisses
  • Unfähigkeit, neue Informationen dauerhaft zu speichern
  • Desorientierung in Zeit und Raum
  • Konfabulationen (Erfinden von Geschichten zur Überbrückung von Erinnerungslücken)
  • Sprache, Intelligenz und Aufmerksamkeit oft relativ stabil

 

Verlauf:

  • Meist schleichender Beginn bei chronischem Konsum
  • Kann irreversibel sein, vor allem bei strukturellen Hirnschäden
  • Oft in Kombination mit weiteren Folgen des Kokainmissbrauchs:
  • Kognitive Leistungseinbußen
  • Psychosen oder affektive Störungen
  • Vaskuläre Komplikationen (z. B. Schlaganfälle)

 

Hinweis:

Das amnestische Syndrom unter F14.6 stellt eine seltene, aber schwerwiegende neurokognitive Komplikation bei Kokainabhängigkeit dar. Es sollte besonders bei langjährigem Konsum, wiederholten Intoxikationen oder vaskulären Hirnschädigungen in Betracht gezogen werden.

F14.7 – Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung

Diese Kategorie beschreibt dauerhafte oder verzögert einsetzende psychische Störungen, die nach dem Konsum von Kokain auftreten – auch dann, wenn der Konsum bereits eingestellt wurde. Es handelt sich um Folgestörungen, die sich entweder an eine akute psychotische Episode anschließen oder erst Wochen bis Monate später nach dem Konsum auftreten.

 

Typische Merkmale:

  • Chronisch anhaltende psychische Veränderungen, z. B.:
    • Wahnvorstellungen
    • Halluzinationen
    • Stimmungsschwankungen
    • Denkstörungen
  • Symptome dürfen nicht Folge eines akuten Entzugs oder Rausches sein
  • Zeitlicher Abstand zwischen Alkoholkonsum und Symptombeginn möglich
  • Kein akuter Bewusstseinsverlust wie bei Delirien

 

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Nicht akut (→ keine Intoxikation oder Entzugssymptome)
  • Nicht organisch bedingt (z. B. keine Demenz)
  • Symptome müssen eindeutig mit früherem Kokainkonsum verknüpft sein

 

ICD-10 Unterkategorien:

  • F14.70 – Ohne Schizophrenie-ähnliche Symptome
  • F14.71 – Mit Schizophrenie-ähnlichen Symptomen

 

Hinweis:

Diese Diagnose wird gestellt, wenn langfristige psychische Störungen als Spätfolge von chronischem oder exzessivem Kokainkonsum auftreten – auch nach einer abstinenten Phase. Besonders häufig betroffen sind Personen mit vulnerabler Psyche oder früh einsetzendem Substanzmissbrauch.

F14.8 – Sonstige psychische und Verhaltensstörungen

Diese Kategorie erfasst alle psychischen und Verhaltensstörungen, die eindeutig im Zusammenhang mit Kokainkonsum stehen, aber nicht genauer durch die vorhergehenden spezifischen Kategorien (F14.0–F14.7) beschrieben werden können.

F14.8 dient als Auffangdiagnose für seltene oder nicht klassifizierbare kokainbezogene Störungen.

F14.9 – Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung

Die Diagnose F14.9 wird verwendet, wenn eine psychische oder verhaltensbezogene Störung eindeutig im Zusammenhang mit Kokainkonsum steht, aber nicht genau bestimmt oder klassifiziert werden kann.

Sie ist eine unspezifische Restkategorie innerhalb der F14-Gruppe – also für Fälle, in denen nicht genügend Informationen vorliegen, um eine präzisere Diagnose (z. B. F14.2 oder F14.5) zu stellen.

Weitere ICD-10-Diagnosen

Sie möchten mehr über verwandte psychische Störungen erfahren? Hier finden Sie Informationen zu anderen Kapiteln der ICD-10 – kompakt und verständlich erklärt.

ICD-10 Diagnosen

  • F00-F09 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
  • F10-F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
  • F20- F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
  • F30-F39 Affektive Störungen
    F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
  • F50-F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
    F60-F69 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
  • F70-F79 Intelligenzstörung
  • F80-F89 Entwicklungsstörungen
  • F90-F98 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
  • F99-F99 Nicht näher bezeichnete psychische Störungen

Quellen

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