F-Diagnosen ICD 10 → F10-F19 → F10 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol
F10 Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol
F10.0 – Akute Intoxikation
Ein vorübergehender Zustand nach dem Konsum (Intoxikation) von Alkohol, bei dem es zu Störungen des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der Stimmung, des Denkens oder des Verhaltens kommt.
Der Schweregrad hängt von Menge, Verträglichkeit, Umgebung und Situation ab. In der Regel ist der Zustand reversibel.
Typische Anzeichen einer akuten Alkoholintoxikation:
- Enthemmtes oder unangepasstes Verhalten
- Euphorie oder Reizbarkeit
- Gestörte Koordination (z. B. Schwanken, Lallen)
- Verminderte Urteilsfähigkeit
- Bewusstseinsveränderungen bis hin zum Koma (bei schwerer Vergiftung)
ICD-10 Unterkategorien:
- F10.00 – Akuter Alkoholrausch ohne Komplikationen
- F10.01 – Mit körperlichen Verletzungen oder sonsitigen körperlichen Schäden
- F10.02 – Mit anderen medizinischen Komplikationen (z.B. Hämatemesis. Aspiration von Erbrochenenm)
- F10.03 – Mit Delir (z. B. alkoholbedingter Verwirrtheitszustand)
- F10.04 – Mit Wahrnehmungsstörungen
- F10.05 – Mit Koma
- F10.06 – Mit Krampfanfällen
- F10.07 – Mit pathologischem Rausch (Intoxikation)
- Kurz nach dem Trinken einer Menge, die bei den meisten Menschen keine Intoxikation hervorrifen würde, erfolgt ein plötzlicher Ausbruch von aggressivem, oft gewalttätigen Verhalten, das für den betroffenen im nüchternen Zustand untypisch ist.
F10.1 – Schädlicher Gebrauch
Die Diagnose F10.1 wird gestellt, wenn der Konsum von Alkohol bereits zu gesundheitlichen Schäden geführt hat – körperlich oder psychisch –, ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt.
Der schädliche Gebrauch unterscheidet sich vom gelegentlichen Konsum dadurch, dass negative Folgen nachweisbar sind, wie etwa Überdosierungen, Unfälle, Stürze oder psychische Beeinträchtigungen.
Kriterien für schädlichen Alkoholkonsum:
- Klar erkennbare Gesundheitsschäden durch Alkoholkonsum, z. B.:
- Lebererkrankungen (z. B. Fettleber, Hepatitis)
- Depressionen
- Schlafstörungen
- Unfälle oder Verletzungen im Rauschzustand
- Die Schädigung muss ärztlich nachvollziehbar sein – subjektives Unwohlsein reicht nicht aus.
- Der schädliche Gebrauch ist nicht nur gelegentlich oder einmalig, sondern ein wiederkehrendes oder anhaltendes Muster.
Wichtig zur Abgrenzung:
- Kein Kontrollverlust oder Entzugssymptome wie bei der Abhängigkeit (F10.2).
- Die Diagnose erfordert einen klaren Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und dem Schaden.
F10.2 – Abhängigkeitssyndrom
Das Abhängigkeitssyndrom beschreibt ein komplexes, psychisch und oft auch körperlich geprägtes Verlangen nach Alkohol, das zu einem anhaltenden oder wiederkehrenden Kontrollverlust über den Konsum führt.
| Kriterien / Symptome | F10.2 – Abhängigkeitssyndrom |
|---|---|
| Zeitkriterium | Letzten 12 Monate |
| Anzahl Symptome | Mindestens 3 Symptome gleichzeitig |
| Symptom 1 | Starkes Verlangen nach Alkohol (Craving); innerer Drang oder Zwang zu trinken |
| Symptom 2 | Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung oder Menge des Alkoholkonsums |
| Symptom 3 | Körperliches Entzugssyndrom bei Reduktion oder Beendigung des Konsums oder Alkoholkonsum zur Linderung von Entzugssymptomen |
| Symptom 4 | Toleranzentwicklung: Bedarf nach deutlich höheren Alkoholmengen zur Erzielung der gewünschten Wirkung |
| Symptom 5 | Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen oder Verpflichtungen zugunsten des Alkoholkonsums |
| Symptom 6 | Anhaltender Alkoholkonsum trotz eindeutiger schädlicher körperlicher, psychischer oder sozialer Folgen |
| Ausschlusskriterium | Symptome sind nicht besser erklärbar durch akute Intoxikation, Entzug ohne Abhängigkeit oder andere psychische bzw. organische Erkrankungen |
| Unterkategorien |
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F10.3 – Entzugssyndrom
Das Entzugssyndrom tritt auf, wenn der regelmäßige und längerfristige Alkoholkonsum reduziert oder plötzlich abgesetzt wird. Der Körper reagiert auf den Wegfall des Alkohols mit typischen physischen und psychischen Symptomen.
Diese Diagnose gilt nur, wenn kein Delir (Verwirrtheitszustand mit Bewusstseinstrübung) vorliegt – sonst wird F10.4 (Entzugssyndrom mit Delir) verwendet.
Typische Entzugssymptome:
- Zittern (besonders der Hände)
- Schwitzen
- Übelkeit, Erbrechen
- Schlafstörungen
- Angst, innere Unruhe
- Reizbarkeit
- Kopfschmerzen
- Herzklopfen oder erhöhter Blutdruck
- In schweren Fällen: Krampfanfälle (→ ggf. F10.6)
Beginn & Dauer:
Symptome treten meist innerhalb von 6–24 Stunden nach dem letzten Alkoholkonsum auf.
Dauer: mehrere Stunden bis wenige Tage, abhängig von Konsummuster und Schweregrad.
ICD-10 Unterkategorien:
- F10.30 – Entzugssyndrom ohne Komplikationen
- F10.31 – Entzugssyndrom mit Krampfanfällen (→ alkoholische Epilepsie)
Wichtig zur Abgrenzung:
- Kein Delir (sonst F10.4)
- Nicht zu verwechseln mit gelegentlichen Unwohlseinszuständen nach Alkoholkonsum (z. B. Kater)
- Oft im Rahmen einer bestehenden Alkoholabhängigkeit (F10.2)
F10.4 – Entzugssyndrom mit Delir
Das alkoholbedingte Entzugssyndrom mit Delir ist eine schwere Komplikation des Alkoholentzugs. Es tritt in der Regel nach plötzlichem Absetzen oder Reduktion eines länger andauernden, intensiven Alkoholkonsums auf.
Kennzeichnend ist ein akuter Verwirrtheitszustand (Delir), begleitet von Entzugssymptomen – häufig mit optischen Halluzinationen, Desorientiertheit und vegetativer Übererregung.
Typische Symptome des Alkoholentzugsdelirs:
- Bewusstseinstrübung mit schwerer Desorientierung (Zeit, Ort, Person)
- Optische Halluzinationen (z. B. Tiere, Schatten, Personen)
- Starkes Zittern, Schwitzen, erhöhter Puls und Blutdruck
- Angst, Verfolgungsideen, Verwirrtheit
- Schlaflosigkeit, Tag-Nacht-Umkehr
- Wechselnde Aufmerksamkeit, schnelle Stimmungsumschwünge
- In schweren Fällen: Krampfanfälle oder lebensbedrohliche Zustände
Beginn & Verlauf:
Beginnt typischerweise 1–3 Tage nach dem letzten Alkoholkonsum.
Der Verlauf kann lebensbedrohlich sein und erfordert oft intensivmedizinische Überwachung
ICD-10 Unterkategorien:
- F10.40 – Ohne Krampfanfälle
- F10.41 – Mit Krampfanfällen
Hinweis:
Das Alkoholentzugsdelir ist ein akuter Notfall, der sofortige medizinische Behandlung erfordert.
F10.5 – Psychotische Störung
Die Diagnose F10.5 beschreibt eine psychotische Störung, die im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit auftritt. Sie entwickelt sich meist während oder kurz nach intensiver Alkoholaufnahme, kann aber auch nach Absetzen (z. B. im Entzug) auftreten.
Charakteristisch sind Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder paranoides Denken, die nicht allein durch ein Delir erklärbar sind.
Typische Merkmale:
- Akustische Halluzinationen (z. B. Stimmenhören)
- Verfolgungswahn, Misstrauen, Beziehungswahn
- Starke emotionale Erregung, Angst, Feindseligkeit
- Desorganisiertes Denken oder Realitätsverlust
- Keine Bewusstseinstrübung wie beim Delir (F10.4)
Abgrenzung zu anderen Diagnosen:
- Kein Delir (→ sonst F10.4)
- Nicht allein durch Entzug erklärbar
- Psychotische Symptome halten oft länger an (Tage bis Wochen)
- Meist bei langjährigem, chronischem Alkoholmissbrauch
ICD-10 Unterkategorien:
- F10.50 – Schizophreniform
- F10.51 – Vorwiegend wahnhaft
- F10.52 – Vorwiegend halluzinatorisch
- F10.53 – Vorwiegend polymorph
- F10.54 – Vorwiegend depressive Symptome
- F10.55 – Vorwiegend manische Symptome
- F10.56 – Gemischt
F10.6 – Amnestisches Syndrom
Das amnestische Syndrom durch Alkohol ist eine anhaltende Störung des Gedächtnisses, die auf chronischen, meist hochprozentigen Alkoholkonsum zurückgeht. Es betrifft vorrangig das Kurzzeitgedächtnis, während andere kognitive Funktionen oft vergleichsweise erhalten bleiben.
Diese Störung ist häufig mit einem Vitamin-B1-Mangel (Thiaminmangel) verbunden und wird klassisch als Korsakow-Syndrom bezeichnet.
Typische Merkmale:
- Schwere Störungen des Kurzzeitgedächtnisses
- Unfähigkeit, neue Informationen dauerhaft zu speichern
- Desorientierung in Zeit und Raum
- Konfabulationen (Erfinden von Geschichten zur Erklärung von Erinnerungslücken)
- Relativ stabile Sprache, Intelligenz und Aufmerksamkeit
Verlauf:
- Entwickelt sich meist schleichend über längere Zeiträume
- In vielen Fällen irreversibel
- Oft verbunden mit anderen Alkoholfolgeerkrankungen, z. B. Polyneuropathie, Lebererkrankungen
Hinweis:
Das amnestische Syndrom ist eine ernsthafte alkoholbedingte Hirnschädigung und häufig Folge langjähriger Abhängigkeit in Kombination mit mangelhafter Ernährung.
F10.7 – Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung
Diese Kategorie umfasst anhaltende oder verzögert einsetzende psychische Störungen, die nach dem Konsum von Alkohol bestehen bleiben – auch wenn der Konsum bereits eingestellt wurde.
Es handelt sich um Folgezustände, die sich entweder nach einem akuten alkoholbedingten Zustand (z. B. Delir, Psychose) entwickeln oder erst Wochen bis Monate später auftreten.
Typische Merkmale:
- Chronisch anhaltende psychische Veränderungen, z. B.:
- Wahnvorstellungen
- Halluzinationen
- Stimmungsschwankungen
- Denkstörungen
- Symptome dürfen nicht Folge eines akuten Entzugs oder Rausches sein
- Zeitlicher Abstand zwischen Alkoholkonsum und Symptombeginn möglich
- Kein akuter Bewusstseinsverlust wie bei Delirien
Wichtig zur Abgrenzung:
- Nicht akut (→ keine Intoxikation oder Entzugssymptome)
- Nicht organisch bedingt (z. B. keine Demenz)
- Symptome müssen eindeutig mit früherem Alkoholkonsum verknüpft sein
ICD-10 Unterkategorien:
- F10.70 – Nachhallzustände (Flashbacks) können von psychotischen Zuständen zum Teil durch ihr episodisches auftreten, die häufig sehr kurze Dauer (Sekunden oder Minuten) und durch ihre (manchmal exakte) Wiederholung früherer Erlebnisse unter Substanzeinfluss unterschieden werden.
- F10.71 – Residuale Persönlichkeits- oder Verhaltensstörungen, welche die Kriterien für eine organische Persönlichkeitsstörung (F 07.0) erfüllt.
- F10.72 – Residuale affektive Störungen, das die Kriterien von F 06.3 erfüllt.
- F10.73 – Demenz, die die allgemeinen Kriterien für Demenz erfüllt
- F10.74 – Andere anhaltende kognitive Beeinträchtigungen Komma die nicht die Kriterien eines Alkohol-oder Substanz bedingten amnestische Syndroms (F 10.6) oder einer Demenz (F10.73) erfüllt.
- F10.75 – Verzögert auftretende psychotische Störung.
Hinweis:
Diese Diagnose wird verwendet, wenn dauerhafte psychische Störungen als Spätfolge von Alkoholmissbrauch bestehen – auch nach einer Phase der Abstinenz.
F10.8 – Sonstige psychische und Verhaltensstörungen
Diese Kategorie erfasst alle psychischen und Verhaltensstörungen, die eindeutig im Zusammenhang mit Alkoholkonsum stehen, aber nicht genauer durch die vorhergehenden spezifischen Kategorien (F10.0–F10.7) beschrieben werden können.
F10.8 dient als Auffangdiagnose für seltene oder nicht klassifizierbare alkoholbezogene Störungen.
F10.9 – Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung
Sie ist eine unspezifische Restkategorie innerhalb der F10-Gruppe – also für Fälle, in denen nicht genügend Informationen vorliegen, um eine präzisere Diagnose (z. B. F10.2 oder F10.5) zu stellen.
Weitere ICD-10-Diagnosen
ICD-10 Diagnosen
- F00-F09 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
- F10-F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
- F20- F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
- F30-F39 Affektive Störungen
F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen - F50-F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
F60-F69 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen - F70-F79 Intelligenzstörung
- F80-F89 Entwicklungsstörungen
- F90-F98 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
- F99-F99 Nicht näher bezeichnete psychische Störungen
Quellen
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